30 verschiedene Teilzeitmodelle und fast alle jungen Väter in Karenz – alles selbstverständlich? Wie die Wirtschaftsagentur Wien moderne Arbeitswelten meistert.

 

 

An einem sonnigen Donnerstag treffen wir uns in der belebten Mariahilfer Straße. Ein von außen unscheinbares Gebäude beherbergt das moderne Büro der Wirtschaftsagentur Wien. Eine Adresse für junge Kreative, GründerInnen und jegliche Wiener Unternehmen, die ein „360°- Service“ und Beratung suchen.

Inmitten des regen Parteienverkehrs treffen wir Julia Kniescheck. Unsere Data Analytics Center Spezialistin und Equal Pay Beraterin Julia Wolfsberger ergänzt die Runde.

Equal Pay: Wofür steht die Wirtschaftsagentur Wien?
Julia Kniescheck: Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, den Wirtschaftsstandort Wien zu stärken und aktiv mit zu entwickeln. Das geschieht durch gezielte Förderungen, Beratungsleistungen und die Bereitstellung von Büros, Produktions- und Betriebsflächen. Unser Know- How und sämtliche Beratungs- und Vernetzungsangebote stellen wir kostenlos zur Verfügung. Wir stehen für Beratungskompetenz und innovatives unternehmerisches Denken. Wir sehen uns als eine Expertinnen und Expertenorganisation, die über den Tellerrand blickt.

Equal Pay: Was war Ihre Erwartungshaltung zum Beratungsprogramm?
Julia Kniescheck: Wir sind bei der Wirtschaftsagentur Wien eigentlich zum Thema Gleichstellung schon gut aufgestellt. Im Führungsteam stellen Frauen ganz klar die Mehrheit, den ersten Equal Pay Bericht haben wir z.B. bereits 2012 abgegeben. Warum wir trotzdem beim Beratungsprogramm mitgemacht haben? All das war in der Vergangenheit eine gute Orientierung und hat viel Bewusstsein geschaffen. Es fehlte jedoch an Ressourcen das Gehaltsmodell weiterhin zu innovieren. Da habe ich gerne auf die Erfahrung und Expertise von Georg Jurceka und Julia Wolfsberger gebaut und vertraut.

„Es fehlte an Ressourcen um weiter zu innovieren“

Equal Pay: Gab es besonders nennenswerte Aha-Momente in der Beratung?
Julia Kniescheck: Definitiv! Eine Teambefragung hat ergeben, dass unser Gehaltssystem als intransparent wahrgenommen wird. Das war eine Überraschung. Hier haben wir dann gleich mit einem Workshop angesetzt. Der Equal Pay Basisbericht – mit seinen aussagekräftigen Analysen – hat uns zwar auch den einen oder anderen Aha-Moment gebracht, uns aber auch in unseren bisherigen Bemühungen gelobt.

Equal Pay: Wie sieht es mit der Teilzeitquote in der Wirtschaftsagentur Wien aus?
Julia Kniescheck: Wir haben generell einen recht ausgewogenen Anteil an Frauen mit 60 % und Männern mit 40%. Davon ist derzeit ein Drittel der Frauen in Teilzeit. Bei den Männern sind es derzeit 14 % – ein sehr hoher Wert; fast alle davon in Elternteilzeit.

Equal Pay: Vereinbarkeit von Familie und Teilzeit. Welche Erfahrungen haben Sie damit?
Julia Kniescheck: Individualisierung ist uns unheimlich wichtig! Deshalb haben wir auch rund 30 verschiedene Teilzeitmodelle. Das wird sehr geschätzt, bringt aber auch eine hohe Komplexität mit sich.

 

„Die Flexibilität wird geschätzt, bringt aber auch hohe Komplexität mit sich“

Equal Pay: Gibt es bei Ihnen Führungspositionen in Teilzeit? Wenn ja – wie viele Stunden wird bei Ihnen in Teilzeit effektiv gearbeitet?
Julia Kniescheck: Wir haben auf der Führungsebene der Abteilungsleiterinnen und Teamleiter eine Teilzeitquote von circa 25 %. Diese arbeiten im Durchschnitt jedoch 30-36 Stunden. Andere Teilzeitkräfte eher um die 25 Stunden.

Equal Pay: Gibt es auch einen gesteigerten Bedarf an Teilzeit-Arbeit bei Männern?
Julia Kniescheck: Ja, wir erleben es als Generationenthema und als Phänomen der Unternehmenskultur. In den letzten 5 Jahren sind alle männlichen Kollegen mindestens 2-5 Monate in Väterkarenz gegangen!

 

„Fast alle in Väterkarenz“

Ich selbst habe auch ein Kind und einen Partner, der in Teilzeitarbeit die Familie unterstützt. Wir modernisieren in der Wirtschaftsagentur Wien die Rollenbilder und leben diese auch vor.

Equal Pay: Sie fördern ja gezielt Unternehmerinnen u.a. mit ihrer Initiative „FemPower“. Welche Vorbildwirkung wird Ihnen zuteil?
Julia Kniescheck: Wir tragen unsere Wirkung von innen in die Wirtschaft hinaus, damit sich moderne Realitäten einschleichen.
Das gesamte Team  muss ein verpflichtendes Gender-Diversity-Seminar absolvieren. Wir haben hier den eindeutigen Auftrag zu sensibilisieren!

Bei der Mädchenförderung lassen wir weibliche Vorbilder die Vorträge zu Technologie & Forschung und Future Jobs halten, um schon jungen Menschen Chancengleichheit vorzuleben.

Frauenförderung ist für uns nicht nur selbstverständlich, sondern auch „selbst“ und „ständig“ (lacht).

 

© 2019 Equal Pay

Diese Maßnahme wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds in der IP Gleichstellung und des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz finanziert.